
Puzzleteil
#2025-0020 L.
Kennt ihr dieses schlechte Gewissen? Dieses, was einen manchmal ereilt, wenn man darüber nachdenkt, wie viel Glück man bisher eigentlich hatte? Und wenn einem dann doch mal etwas Schlimmes widerfährt, traut man sich nicht, drüber zu sprechen, weil es anderen ja so viel schlechter geht? So ähnlich ging es unserer Teilnehmerin L.
„Als junge 19-jährige Frau, die in einem guten Elternhaus und sicheren Lebensumständen aufgewachsen ist, finde ich es schwer, über Sorgen oder Probleme zu sprechen. Ich habe das Privileg, in meinem Leben wenig Hass oder Gefahr erlebt zu haben. Ich habe großes Interesse an anderen Menschen und ihrer Geschichte. Genauso möchte ich auch meine Geschichte teilen und zeigen, dass das Schicksal einer psychischen Erkrankung jeden treffen kann. Jeder hat das Recht, nach Hilfe zu fragen und Schwächen zu zeigen.“
Eine Essstörung und mittelgradige Depressionen – so lautete die Diagnose ihrer ersten Psychotherapeutin, als L. 16 Jahre alt war.
„Zu diesem Zeitpunkt wusste ich schon lange, dass mein Essverhalten gestört war. Eine Phase, die ich mit verschiedenen Erlebnissen begründete. Aber deshalb eine Therapie? Gerade deshalb. Mit der Zeit wurde mir klar, dass jeder, egal, wie andere die Probleme einordnen, ein Recht auf Genesung hat. Auch ich, die lange davon überzeugt war, nicht krank genug zu sein, bin nun unfassbar dankbar, dass ich Menschen kennenlernen konnte, die mir die Augen geöffnet haben“, schreibt L. in ihrem Buch, dass ihre eigene Leidensgeschichte erzählt.
L. hat sich Hilfe geholt. Nicht, damit ihr andere anerkennend auf die Schulter klopfen und sagen „Ich bin stolz auf dich“, sondern für sich selbst. Um sich selbst zu helfen und zu dem kreativen und lebenslustigen Charakter zurückzufinden, der sie einmal war.
„Ich habe schon länger mit Selbstzweifeln zu kämpfen, die durch verschiedene Erlebnisse aus meiner Vergangenheit entstanden sind. Ich habe eine sehr extrovertierte Persönlichkeit, mit der ich oft angeeckt bin und dadurch oft von außen schnell beurteilt wurde. Zudem werde ich schnell so eingeschätzt, als würde ich meine Bedürfnisse gut kommunizieren können und wissen, was ich will. Jedoch stehe ich schnell unter Erwartungsdruck, was vor allem in meiner früheren Beziehung dazu geführt hat, dass ich meine eigenen Grenzen ignoriert habe und dadurch Leid erfahren musste.“
Eine Therapie löst unsere Probleme nicht in Luft auf. Aber sie hilft uns, uns selbst und unsere Schwächen besser zu verstehen und damit umgehen zu können.
„Mir ist wichtig, dass mich Menschen kennenlernen, bevor sie über mich urteilen. Ich bin inzwischen stolz auf meine Eigenschaften, die auffällig sind und froh, dass ich sehr empathisch sein kann und eine hohe emotionale Intelligenz habe. Ich würde meine Erfahrung gerne mit denen teilen, die sich mit mir identifizieren können und ähnliche Dinge erfahren mussten“, so L. heute.
Wir haben L., die derzeit als junge Buchautorin Lesungen hält und einen Bundesfreiwilligendienst absolviert, gefragt, was sie dazu bewegt hat, Teil von BE THE COLOR zu werden. Ihre Antwort:
„Für mich ist es ein Weg, noch mehr Menschen zu erreichen und über mich selbst hinauszuwachsen. Meine größte Angst ist, dass andere schlecht von mir denken könnten und unangenehm aufzufallen. BE THE COLOR gibt mir einen Raum, zu zeigen, wer ich wirklich bin und mir selbst zu beweisen, wie stolz ich auf mich und meine Geschichte sein kann.“
Für die Gesellschaft wünscht sich L. mehr allgemeines Bewusstsein. Jede Person sollte Unterstützung bekommen, wenn sie sie braucht und sich nicht für sich selbst rechtfertigen müssen.
„Egal, welches Geschlecht, welche Sexualität oder welche Herkunft du hast – du darfst deine Gefühle zeigen.“
Das spiegelt sich auch in den Werten und Prinzipien, nach denen sie selbst lebt und durch die Welt geht:
„Mir ist es wichtig, anderen Menschen vorurteilsfrei und respektvoll gegenüberzutreten. Dabei eben auch verständnisvoll miteinander umzugehen. Ich begegne jedem Menschen offen und versuche dabei freundlich zu sein. Jeder hat mal einen schlechten Tag, was auch okay ist, und das sollte niemand überspielen müssen. Die Art und Weise, wie man das kommuniziert, ist dabei jedoch entscheidend. Hass und Missverständnisse gibt es schon genug auf dieser Welt. Wir können als einzelner Mensch vielleicht keinen direkten Einfluss auf eine internationale Krise haben, aber jeder von uns kann im Alltag Liebe verbreiten, indem wir kommunizieren, achtsam sind und nett mit unseren Mitmenschen umgehen.“
Dazu gehört für L., den großen Facettenreichtum, den wir Menschen erzeugen, zu nutzen und nicht zu verachten:
„Vielfalt bedeutet für mich, jeden Menschen als Individuum zu sehen. Jeder hat seine eigene Lebensgeschichte, die durch Erfahrungen und Gefühle entstanden ist. Kein Mensch ist perfekt und jede Art oder Eigenschaft ist etwas Besonderes und macht dich zu der Person, die du bist.
Wir lernen durch Fehler und jede soziale Begegnung zeigt uns, wie wir auf andere wirken können und wie wir andere wahrnehmen. Die Beziehungen, die wir zu anderen Menschen aufbauen, zeigen uns auch, dass keine Charaktereigenschaft falsch oder richtig ist. Bei den einen kommst du damit gut an und andere wenden sich von dir ab.“
Zu guter Letzt möchte L. ihr Puzzleteil gern mit folgender Message abschließen, die ihr sehr am Herzen liegt:
„Gefühle sind da, um gefühlt zu werden. Ihr selbst lebt nur für euch und dürft selbst entscheiden, was ihr wollt. Das Wichtigste ist immer, Träume und Ziele im Leben zu haben. Zu wissen, wer man ist, kann eine Reise sein, die das ganze Leben lang anhält und nicht jedes Problem muss gleich eine Krise sein. Manche Probleme sind auch genau die Situationen, die uns zeigen, was wir wirklich wollen und wofür es sich zu kämpfen lohnt. Für sich einzustehen ist das Wichtigste und Stärkste dabei.“
Danke, L., dass du uns an deinem bisherigen Weg teilhaben lässt und so wundervoll betonst: Jeder hat das Recht, sich Hilfe zu holen, wenn er sie braucht und somit zurück zu sich selbst zu finden! <3
