
Puzzleteil
#2025-0025 Marcel
„Anderssein ist kein Makel. Anderssein ist etwas Wunderbares. Vielleicht ist es sogar deine Superkraft. Hab Mut zum Anderssein!”
Es war das erste Basketballspiel, das wir uns live in der Braunschweiger Volkswagen Halle angeschaut haben. Völlig euphorisiert von der Stimmung, gespannt auf alles, was uns erwartet und offen für Begegnungen saßen wir im Zuschauerrang. Und dann stand da plötzlich Marcel. In der Halbzeitpause wurde er zu seinem Buch „Mutmacher-Menschen“ interviewt. Und um eines vorwegzunehmen: Er selbst verkörpert diesen Titel so gut wie kaum ein anderer!
Marcel lebt mit dem sogenannten Möbius-Syndrom, durch welches er zu seinem Markenzeichen, dem schiefen Lächeln, kam. Wer jetzt glaubt, dass dieser scheinbare Makel ihn sicher stark einschränkt, liegt falsch. Er selbst spricht sogar von seiner „Superkraft“.
Der Journalist, Speaker und Initiator des „MUTMACHER“-Wegs beschreibt sich selbst als „neugierig, empathisch und mit einer großen Leidenschaft für Geschichten“. Sport, gesellschaftliche Themen und echte Begegnungen liegen ihm am Herzen. Das Leben mit seiner körperlichen Besonderheit, dem Möbius-Syndrom, prägt seine Identität:
„Es hat meinen Blick auf Menschen geschärft und mich gelehrt, genauer hinzusehen – hinter Fassaden, hinter Vorurteile. Genauso wichtig ist mir meine Rolle als Geschichtenerzähler. Ich glaube an die Kraft von Narrativen. Sie können verbinden, Verständnis schaffen und Mut stiften. Und schließlich ist mir meine Haltung wichtig: Ich möchte nicht über Defizite definiert werden, sondern über Möglichkeiten.“
Wenn man mit Marcel ins Gespräch kommt, könnte man den Eindruck bekommen, dass ihn nichts und niemand erschüttern kann. Negative Erlebnisse, die ihn geprägt haben – zunächst keine Spur. Doch dem ist natürlich nicht so, wie er selbst berichtet:
„Menschen reagieren irritiert, wenn mein Lächeln ‚anders‘ aussieht. Als Kind und Jugendlicher habe ich Blicke und Kommentare als Ablehnung verstanden. Lange Zeit habe ich versucht, möglichst wenig aufzufallen. Ich wollte funktionieren, dazugehören, nicht anecken.“
Er hat versucht, sein „schräges Lächeln“ zu verstecken. Denn was nicht sichtbar ist, kann nicht in den Fokus von Mobbing, Hass, und Diskriminierung geraten. Wer sich anpasst, gehört dazu, verschwimmt mit der sogenannten „Norm“.
Heute trägt er es mit Stolz:
„Irgendwann habe ich verstanden: Nicht ich bin das Problem, sondern der Blick auf mich. Seitdem gehe ich offen damit um, spreche darüber und nehme anderen die Unsicherheit. Diese Offenheit hat mein Leben verändert. Sie hat aus einem vermeintlichen Makel eine Superkraft gemacht.“
„Respekt, Empathie und Mut“, nennt uns Marcel direkt, als wir ihn fragen, welche Werte und Prinzipien ihm im Leben besonders wichtig sind. „Respekt heißt für mich, Menschen in ihrer Würde anzuerkennen – unabhängig von Herkunft, Aussehen oder Lebensweg“, erklärt er. Denn jemanden zu respektieren bedeutet nicht, alles zu verstehen und zu befürworten. Es heißt, jemanden zu achten und ihm Anerkennung entgegenzubringen, ohne zu verurteilen.
Weiter führt er aus: „Empathie bedeutet, wirklich zuhören zu wollen. Und Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern trotz Angst sichtbar zu sein.“
Apropos Sichtbarkeit:
Diese liegt auch uns als Projekt stark am Herzen, wird sie doch kontinuierlich unterschätzt. Dabei ist sie insbesondere im Hinblick auf Diversität so enorm wichtig. Nur wenn die Unterschiede zwischen uns Menschen sichtbar werden, können sie ihre viel zu oft negative Färbung verlieren und ihr buntes, wertvolles Glitzern zum Vorschein bringen.
„Vielfalt bedeutet für mich Echtheit. Unterschiedliche Geschichten, Perspektiven, Körper, Lebensentwürfe – all das macht unsere Gesellschaft lebendig. Ich erlebe Vielfalt jeden Tag, allein schon durch meine eigene Geschichte. Mit dem Möbius-Syndrom aufzuwachsen heißt, anders wahrgenommen zu werden. Früher habe ich das als Makel empfunden.
Heute weiß ich: Genau dieses Anderssein hat mich geprägt, sensibilisiert und stärker gemacht. Vielfalt ist für mich kein politisches Schlagwort, sondern gelebte Realität. Sie fordert uns heraus – und genau darin liegt ihre Kraft. Wenn wir lernen, Unterschiedlichkeit nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu sehen, entsteht echte Begegnung.“
Natürlich wollten wir zum Schluss auch von Marcel wissen, was genau ihn dazu bewegt hat, Teil von BE THE COLOR zu werden. Seine Antwort:
„BE THE COLOR steht für Sichtbarkeit. Für das bewusste Zeigen dessen, was uns besonders macht. Für mich ist es ein starkes Zeichen, Teil eines Projekts zu sein, das Diversität nicht erklärt, sondern zeigt. Ich fühle mich heute in meiner Identität angekommen – nicht perfekt, nicht ohne Zweifel, aber im Reinen mit mir. Wenn mein Gesicht, meine Geschichte oder meine Worte dazu beitragen, dass ein anderer Mensch sich weniger allein fühlt, dann hat es sich gelohnt.“
Er nimmt teil, „weil Veränderung durch Sichtbarkeit entsteht“. Für ihn selbst war es ein langer Prozess, bis er sich selbstbewusst zeigen konnte. Er möchte mit seiner Teilnahme vor allem auch ein Zeichen setzen: „Unterschiedlichkeit gehört in die Mitte der Gesellschaft – nicht an den Rand“, bekräftigt er.
Wer Marcel begegnet, merkt schnell, dass er genau das lebt, wofür auch BE THE COLOR steht: den Mut, sichtbar zu sein. Nicht trotz seiner Besonderheit, sondern mit ihr. Er versteckt nicht, was ihn von anderen unterscheidet, sondern feiert es. Dabei strahlt er so viel Positivität und Lebensfreude aus, dass man ihn einfach kennenlernen möchte. Man spürt augenblicklich: Dieser Mann hat etwas Wichtiges zu erzählen.
Und seine Geschichte zeigt, dass Akzeptanz nicht dort beginnt, wo Unterschiede verschwinden, sondern dort, wo wir ihnen offen begegnen. Zugleich hat er die Hoffnung, dass die Veröffentlichung seiner Geschichte nicht nur Gespräche anregt, sondern vielleicht auch Personen Mut macht.
Denjenigen möchte er sagen: „Du musst dich nicht kleiner machen, um akzeptiert zu werden. Ich weiß, wie anstrengend es sein kann, ständig beobachtet oder bewertet zu werden. Aber du darfst Raum einnehmen. Du darfst sichtbar sein. Und vor allem: Deine Besonderheit ist kein Hindernis für ein erfülltes Leben – sie kann der Schlüssel dazu sein.“
Danke, Marcel, dass du uns zeigst, wie man seine vermeintlichen Makel und Schwächen aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann und sie in echte Superkräfte verwandeln kann! Du bist ein absolutes Vorbild für uns alle und wenn sich einer Mutmacher-Mensch nennen darf, dann du ganz besonders! <3
