
Puzzleteil
#2025-0026 Anna
Es sind oft die kleinen, „gar nicht böse“ gemeinten Sticheleien, die die größte Wirkung haben und nicht selten mitten ins Herz treffen. Meist lässt man sich nichts anmerken, weil man nicht sensibel oder schwach dastehen möchte. Aber tief im Inneren brodeln die Gefühle - ein wilder Mix aus Wut, Enttäuschung, Traurigkeit. Tränen, die man wegblinzelt und runterschluckt, damit keiner etwas merkt. Doch sie bleiben und hinterlassen - wenn auch nur kleine - Kratzer im Herzen, an die man sich immer erinnern wird.
Unsere Teilnehmerin Anna wurde während ihrer Ausbildungszeit in Braunschweig oft damit aufgezogen, dass sie im Osten aufgewachsen ist. Was andere vielleicht als harmlose Blödelei bezeichnen würden, war für sie alles andere als lustig:
„Das hat mich sehr geärgert, wenn man mich als unwissend oder dümmlich bezeichnete, weil ich vermeintlich aus der ehemaligen DDR komme. Oft als Scherz verpackt von anderen, aber für mich war das kein Stück witzig. Zumal ich solche Äußerungen völlig absurd fand, da ich nie in der DDR lebte.“
Die unreifen DDR-Witze waren für sie deshalb mehr als nur harmlose Neckereien. Hinter der Zuschreibung, aus der ehemaligen DDR zu kommen, standen für sie Vorurteile wie Unwissenheit, Rückständigkeit oder gar Dummheit – und genau diese Abwertung empfand sie als verletzend. Dass sie selbst nie in der DDR gelebt hat, macht die Absurdität für sie nur noch deutlicher.
Dieses Beispiel verdeutlicht einmal mehr: Viel zu oft wird der Aspekt der Herkunft dazu benutzt, um andere Menschen herabzusetzen und als vermeintlich minderwertiger darzustellen.
Doch damit nicht genug: Anna erzählt uns, dass sie insbesondere in jungen Jahren oft Opfer sexistischer Äußerungen wurde, was ihr allerdings erst viel später bewusst geworden ist.
„Vor allem im Jugendalter und auch mit Anfang 20 wurde ich aufgrund meines Geschlechts sexualisiert oder als unfähig bezeichnet. Manches war mir in dem Moment nicht bewusst und ich habe dementsprechend kaum reagiert oder trug das unangenehme Gefühl mit mir nach Hause. Manche Äußerungen brachten mich aber auch dazu, ehrgeizig zu werden und zu zeigen, dass ich als Frau ebenso „männlich“ geprägte Dinge schaffe. Heute bringt es in mir einen Groll hervor, wie gefangen ich in patriarchalischen Strukturen war.“
Heute betrachtet Anna diese Erfahrungen mit einem anderen Blick. Vieles, was sie als Jugendliche oder junge Erwachsene einfach so hingenommen hat, erkennt sie rückblickend als Instrument patriarchaler Strukturen. Ob als Frau sexualisiert und unterschätzt oder aber aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft als unwissend und dümmlich abgestempelt: Immer wieder wurde versucht, sie über ein einzelnes Merkmal zu definieren. Für Anna ist genau das ein Grund, warum Vielfalt und gegenseitiger Respekt so wichtig sind. Ein Mensch ist schließlich immer mehr als das Etikett, das ihm von anderen aufgedrückt wird.
Anna lebt mittlerweile in einer Patchwork-Familie, die für sie an erster Stelle steht und für sie das Allerwichtigste im Leben ist. Ansonsten steckt sie viel Herzblut in ihren Job als Lehrkraft für Pflegeberufe und wenn sie einmal Freizeit für sich selbst hat, verbringt sie diese gern in der Natur und mit Naturfotografie. Als Person, die häufig selbstreflektiert, stellte sie in letzter Zeit verstärkt fest: „Ich besitze das Privileg, eine deutsche weiße cis-Frau zu sein, die ein weitreichendes Bildungssystem genossen hat. Mich erfüllt das nicht unbedingt mit Stolz, außer, dass ich ehrgeizig Ausbildung und Studium beendet habe. Mir ist allerdings bewusst geworden, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann im Vergleich zu anderen Nationen, in denen Menschen und vor allem Frauen nicht so viele Freiheiten besitzen. Ich möchte dieses Privileg nutzen, um zumindest ein Stück weit für Vielfalt einzustehen.“
Für Anna heißt dieses Privileg nicht, sich auf dem auszuruhen, was im eigenen Leben gegeben ist und manchmal selbstverständlich erscheint. Vielmehr entsteht daraus Verantwortung: die eigenen Möglichkeiten zu nutzen, um auch anderen Menschen Raum, Freiheit und Anerkennung zu schenken. Vielleicht ist es genau diese Form der Selbstreflexion, die ihre Haltung zu Vielfalt prägt. Sie möchte nicht, dass Unterschiede verschwinden – sie möchte, dass sie nicht länger als Grundlage dafür dienen, Menschen abzuwerten.
Bei unserem Treffen erzählte sie uns, dass sie selbst früher nicht frei von Vorurteilen war und ihr rückblickend durchaus hin und wieder rassistische Äußerungen über die Lippen kamen. Darauf ist sie nicht stolz. Doch gleichzeitig ist sie froh, dass sie es heute besser weiß und es als Fehler enttarnen konnte.
Vielfalt bedeutet für Anna „Gleichberechtigung, Menschlichkeit, Offenheit, Akzeptanz und Toleranz gegenüber jeglichen Lebens- und Liebesformen, die niemandem schaden“, selbst wenn man sich nicht selbst damit identifizieren kann. Damit einher geht für sie aber auch Respekt:
„Das ist mir besonders wichtig. Man muss nicht immer mutig sein und man muss nicht jeden und alles mögen. Wir Menschen benötigen unsere ‚Schubladen‘, um uns im Leben zurecht zu finden. Aber wer Respekt hat und zeigt, der lässt seine Schubladen auch mal zu oder räumt diese auf für Neues.“
Das derzeitige Weltgeschehen verlangt uns allen viel ab:
Es passiert so viel Beunruhigendes, was uns ratlos, sprachlos, verzweifelt, angsterfüllt macht. Immer mehr Kriege und Konflikte, Klimawandel und seine verheerenden Folgen und nicht zuletzt ein allgemeiner Rechtsruck, der sich durch die Politik und Gesellschaft gleichermaßen zu ziehen scheint. Entwicklungen, die neben der Hilflosigkeit gleichzeitig das Gefühl wecken, gerade jetzt nicht in Schockstarre verfallen zu dürfen. Wir müssen laut sein, aktiv sein, auf die Missstände zeigen und sie denen versuchen bewusst zu machen, die es noch nicht verstanden haben!
Auch Anna macht sich Sorgen, insbesondere um die politische Entwicklung in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt: „Meine größte Sorge ist momentan, dass die blaue Partei zu viel Macht erhält. Vor allem in Sachsen-Anhalt ist es spürbar.”
Ihre Sorge ist dabei eng mit dem verbunden, wofür sie selbst stehen möchte: für eine Gesellschaft, in der Vielfalt nicht als Bedrohung betrachtet wird und in der Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer Lebensweise gegeneinander ausgespielt werden.
„Ich erhoffe mir, dass ich mit meiner Teilnahme den vielen Menschen um mich herum sehr deutlich zeigen kann, dass es wichtiger ist, sich vernünftig um Vielfalt als um Hass und Hetze zu kümmern.“
Ihre empfohlene „Erste Hilfe-Maßnahme“?
„Selbstliebe und Selbstreflexion sind oft der Schlüssel zu einem harmonischeren Miteinander.“
Danke, Anna, dass du Stellung beziehst und zeigst, dass das Reflektieren der eigenen Werte und Handlungen ein wichtiger Grundpfeiler für jeden Einzelnen von uns sein sollte! Und dafür, dass du uns daran erinnerst, dass wir alle einen Beitrag dazu leisten müssen, dass Herkunft, Geschlecht oder Lebensweise niemals zum Grund für Abwertung und Ausgrenzung werden. <3
