Puzzleteil
#2025-0027 Beate

„Es bräuchte ein extra Buch, um all die Vorurteile und Versuche der Begrenzung meiner persönlichen Entwicklung aufzuzählen!“

Unsere Teilnehmerin Beate hat mit Anfang 60 schon unfassbar viel geleistet und erlebt. Sie ist eine humorvolle Frohnatur, die man äußerst selten mit schlechter Laune antrifft. In Sachen Interessen und Hobbys findet man bei ihr ein buntes Potpourri: Sie liebt Kunst und Musik („am liebsten Open Air-Konzerte“), ist selbst kreativ und handwerklich begabt, liest viel („teils fünf Bücher gleichzeitig, die im Haus verstreut liegen“) und werkelt gern in ihrem Garten.

Ihre vier Kinder hat sie allein großgezogen - dabei kam es ihr sicher gelegen, dass sie eine sehr willensstarke Persönlichkeit ist, die sich durchzusetzen weiß. Sie lebt im wörtlichsten Sinne eine „Hands on-Mentalität“, ist eine echte Macherin und hat ihr Häuschen und den Garten über die Jahre selbst individuell gestaltet.

Auch beruflich scheut die Dipl.-Sozialpädagogin (aktuell Bereichsleitung Tagesförderung Quartier St. Leonhard in Braunschweig) keine Verantwortung: „Ich brauche die Möglichkeit, privat wie beruflich Selbstwirksamkeit zu erleben. Ich bin keine Befehlsempfängerin, sondern möchte aktiv mitgestalten“, erzählt Beate.

Ihr Arbeitgeber ist die Neuerkeröder Wohnen und Betreuen – ein Teil vom Unternehmensverbund der Evangelische Stiftung Neuerkerode. Ein Versorgungsnetzwerk zur Förderung von Gesundheit und Inklusion, bei dem sie sich voll und ganz entfalten kann und sehr aufgehoben fühlt: „Ich habe der Stiftung viel zu verdanken. Sowohl Freudensprünge als auch Beulen. Eben alles, was zu einem langen Berufsleben dazugehört.
Immer wieder gibt es Kritik an Komplexeinrichtungen. Aber ich habe erfahren können, dass jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter bei entsprechendem Engagement die Möglichkeit hat, sich zu entwickeln. Viel wichtiger ist aber, dass ich im Laufe der Jahre immer wieder gesehen und miterlebt habe, was für tolle Arbeit wir mit und für die Menschen leisten, die wir durch ihr Leben begleiten dürfen. Wir helfen dabei, dass es möglichst für jeden bunt und vielfältig wird!“

Oberstes Ziel der Stiftung, die seit über 150 Jahren existiert, ist es, Menschen zu unterstützen, die Hilfe benötigen. Ihre soziale und medizinische Versorgung beinhaltet beispielsweise Behinderten-, Senioren- oder Suchthilfe, Angebote für Mutter-Kind-Kuren sowie auch das Krankenhaus Marienstift in Braunschweig.

Worauf sie sonst bei ihrer Lebensgestaltung und im Umgang mit ihren Mitmenschen besonders großen Wert legt? Ehrlichkeit und Wahrheit. Denn schließlich kann man sich nur so auf gleicher Ebene und mit gebührendem Respekt begegnen. Am wichtigsten ist ihr ein freies, emanzipiertes Leben ohne Unterschiede.
„Eine humanistische Einstellung begleitet mich mein ganzes Leben, angelehnt an Religion, die Eckpfeiler für eine Gesellschaft sein kann, aber für viele Krisen mit Verantwortung trägt. Ich bin davon überzeugt, dass der Mensch nicht mit Ressentiments geboren wird, sondern er durch Einflussnahme und Erlebnisse geprägt wird.“

Ihr Lebensmotto: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“

Wir wollen wissen, ob Beate in Bezug auf ihre Identität negative Erfahrungen gemacht hat. Sie erzählt daraufhin:
„Ich bin eine Frau, über 60, habe vier Kinder allein großgezogen. Ich komme aus kleinen Verhältnissen, mit weiteren vier Geschwistern und einer alleinerziehenden Mutter. Da bräuchte es ein extra Buch, um die Vorurteile, die Versuche der Begrenzung meiner persönlichen Entwicklung, aufzuzählen.
Ich kenne keine einzige Frau in meinem Umfeld, die noch nie sexuell belästigt wurde. Mit vielen teile ich die Erfahrung, dass wir Frauen zuerst über unser Erscheinungsbild wahrgenommen werden. Vorhandene Fähigkeiten spielen dabei erst mal keine Rolle. Schade, wie viel Know-how dadurch verloren geht.”

Und als wäre all das nicht schon bitter genug, muss Beate zusätzlich mit einem Handicap zurechtkommen:
„Ich bin schwerhörig und wurde damit nicht selten durch blöde Witze aufgezogen. Das ist nicht schön. Man muss sich ein Standing erarbeiten, keine Opferrolle einnehmen.“

Doch sie ist taff, lässt sich davon nicht unterkriegen und strahlt dies auch nach außen hin aus. Nicht nur aufgrund ihrer persönlichen Geschichte und ihres bunten, durch Diversität geprägten Arbeitsplatzes nimmt Vielfalt einen großen Stellenwert für sie ein.
„Vielfalt bedeutet für mich viel von allem. Viele Menschen mit vielen, unterschiedlichen Hintergründen wie Sprache, Aussehen, sozialen Prägungen. Vielfalt bedeutet viel Reichtum durch eine bunte, ansprechende – auch herausfordernde – Umwelt.“

Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass durch die individuellen Unterschiede in einer Gesellschaft Konflikte, Reibungen, Schwierigkeiten im Miteinander entstehen. Das ist nur natürlich und völlig menschlich. Jedes Individuum bringt seine eigenen Meinungen und Standpunkte, Überzeugungen und Ängste mit. Und wenn diese auf andere treffen, kann es schon mal knallen. Doch wie man damit umgeht und sich diesen Problemen stellt, ist der entscheidende Punkt.

„Wichtig für mich ist eine offene, tolerante Haltung mit Respekt und Akzeptanz gegenüber der mich umgebenden Vielfalt. Mein Arbeitsalltag bringt die Anforderung an all diese Punkte mit sich. Ich darf sie täglich erleben und leben. Nichtsdestotrotz nehme ich im gesellschaftlichen Miteinander eine für mich teilweise beängstigende ‚Rückwärtsrolle‘ all dieser Errungenschaften wahr.“

Damit unsere Gesellschaft bunt, vielfältig und offen für alle bleibt, ist es wichtig, sich auf das zu besinnen, was wirklich wichtig ist. Beates Appell an uns alle: „Das Leben ist wunderbar. Keiner hat gesagt, dass es immer einfach sein wird. Wäre auch langweilig. Habe immer ein Ziel vor Augen und wenn das erreicht ist, setze dir ein nächstes Ziel. Alle Dinge haben mindestens zwei Seiten. Betrachte diese, bevor du dir ein Urteil bildest und bleibe immer im Gespräch!“

 

Danke, Beate, dass du uns ein wundervolles Beispiel dafür bist, stark und engagiert durchs Leben zu gehen. Und dass du uns daran erinnerst, dass trotz aller noch so nervigen Hindernisse und Schwierigkeiten im Alltag es wichtig ist, die Augen auf die wichtigen Werte in einer (demokratischen) Gesellschaft zu richten! <3

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.