#2025-0014

Puzzleteil
#2025-0014 Tanne

Manchmal kann eine vermeintlich kleine Diagnose eine große bedrohliche Lawine in Gang setzen. In dieser Lawine tummeln sich Unsicherheiten, Angst, Veränderungen im bisherigen Alltag, die Auseinandersetzung mit sich selbst. Tanne, weiß genau, wovon wir reden. Denn sie hat eine solche Diagnose bekommen:

„Vor etwa einem halben Jahr wurde bei mir eine bipolare Störung diagnostiziert. Dies ist eine chronische psychiatrische Krankheit und, rein körperlich gesehen, eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Dies führte nun unter anderem dazu, dass ich mich in meiner eigenen Identität noch sehr unsicher fühle.
Die bipolare Störung ist bei mir geprägt von Stimmungshochs, in denen ich sehr produktiv, extrovertiert und abenteuerlustig sein kann. Andererseits bin ich dann aber auch sehr leichtsinnig, kann Gefahren schlecht einschatzen und bin unkonzentriert. Auf der anderen Seite stehen Stimmungstiefs, die mich in negativen Gedankenspiralen gefangen halten, in denen ich total in mich gekehrt bin, mich kaum mit Menschen unterhalten kann, mich bei Freunden nicht melde und depressiv bin. Durch einen ausgiebigen Rückblick ist aufgefallen, dass im vergangenen Jahrzehnt bei mir schon mehrere von diesen Phasen zu erkennen waren und ich jetzt ich auch einfach nicht genau weiß:

Wie identifiziere ich mich eigentlich selbst?
Was gehört zu meinem Charakter und was von meinen Eigenschaften ist die Krankheit?
Da bin ich derzeit selbst und mit Unterstützung von außen dran, es herauszufinden.
Ich lerne mich so gesehen gerade noch mal neu kennen, was anstrengend und spannend zugleich ist."

Die Feststellung der bipolaren Störung setzte bei Tanne eine Phase der Neuorientierung - sowohl persönlich als auch beruflich - in Gang:
„Ich liebe den Wald, das Wasser und alles, was mit Natur zu tun hat. Eine Weiterbildung in Wildnispädagogik lehrt mich derzeit noch mehr Naturverbundenheit, Gemeinschaft und Spiritualität. Dementsprechend bin ich viel draußen zu finden - bei Spaziergängen, in der Hängematte oder beim Wandern, Kajakfahren oder Vögelbeobachten."

Doch sie weiß auch: Nicht nur sie selbst muss sich erst an die Krankheit gewöhnen. Auch die Gesellschaft kann noch nicht besonders gut damit umgehen. Die Gründe dafür sind zahlreich und reichen von mangelnder Aufklärung über Vorverurteilung bis hin zu Berührungsängsten.

„Ich versuche aktuell, immer offener über meine Erkrankung zu sprechen, um zu sehen, wie die Reaktionen so ausfallen. Über Depression wird bereits viel gesprochen, bei anderen psychischen Krankheitsbildern tappen viele noch im Dunkeln und haben Berührungsängste. Ich glaube, dass einige Menschen sich, seitdem ich offen darüber berichte, etwas mehr von mir zurückziehen. Aber das ist okay. Dann weiß ich, woran ich bin und bündele meine Energie lieber für die Menschen, die mir gut tun und mich unterstützen. Wenn das gesamte Thema besser in der Gesellschaft verankert wäre, könnte ich mir vorstellen, auch aut mehr Interesse und Verständnis zu treffen."

Was für Tanne am meisten zählt im Leben? 
„Liebe steht für mich über allem. Auch wenn sie sich für mich oft noch unerreichbar anfühlt, da ich sie in meiner Familie wenig erfahren habe. Das Schöne ist, der Mensch ist lernfähig, wenn er denn lernwillig ist."

Ein unverzichtbarer Faktor im Leben ist für sie außerdem die Vielfalt.
„Beim Begriff ‚Vielfalt' muss ich direkt an die Artenvielfalt denken: Wenn uns diese einmal verloren gehen sollte, hat unser Ökosystem und damit auch der Mensch keine Chance mehr zu existieren. In dem Sinne könnte man auch sagen: Vielfalt ist für mich die Grundlage allen Lebens!"

Die Teilnahme an unserem Projekt war für Tanne keine einfache Entscheidung. Sie rang sehr mit sich, war sich unsicher, ob und wie viel sie von sich erzählen möchte.

„Was mich dazu bewogen hat, teilzunehmen? Meine eigene Hin- und Hergerissenheit, wem ich was über mich erzähle. Auch ich habe Vorbehalte, meine Geschichte mit der Welt zu teilen, aber wenn es auch nur einer Person etwas helfen kann bei einer ähnlichen Entscheidung, dann macht mich das sehr glücklich."

Darüber hinaus war es ihre eigene Erkrankung, die ihr gezeigt hat: Sie möchte mehr Akzeptanz für Menschen mit seelischer Behinderung schatten.

„Auch wir sind ein Teil der Gesellschaft, auch wenn wir vielleicht in manchen Phasen mehr Unterstützung benötigen als andere. Aber wir sind genauso fähig, Liebe zu geben und auch anzunehmen. Durch meine Teilnahme an BE THE COLOR kann ich ein Zeichen setzen - für Menschen, die an seelischen Leiden erkrankt sind und vielleicht dem einen oder anderen Mut machen, über seine Einschränkungen, seine Krankheit zu sprechen. Denn offen daruber zu reden, und dann noch Verstandnis zu finden, hilft den Betroffenen meist schon sehr bei der Bewältigung ihrer Schwierigkeiten."

Genau aus diesen Gründen soll der letzte Absatz, ihre besondere Herzensmessage, nun an all diejenigen gerichtet sein, die gerade mit ähnlichen Problemen und Hindernissen strugglen wie Tanne:

„Wenn du nicht weißt, was mit dir los ist und du alleine nicht weiterkommst, such dir Hilfe. Lass dich von deinen engsten Menschen unterstützen, fordere Unterstützung ein (ich weiß, das ist oft nicht leicht). Wenn du merkst, dass dir die eine Anlaufstelle nicht weiterhilft, such weiter. Rede offen mit den Menschen über deine Gedanken und Gefühle. Wenn du es nicht in Worte fassen kannst, schreib es auf und ließ es vor. Und ganz wichtig: Gib nicht auf! Auch wenn du denkst, du hast nichts mehr auf dieser Welt, was dich hält - es wird wieder etwas kommen, und sei es noch so klein und schier unbedeutend. Vielleicht ist es auch schon da, du kannst es nur gerade nicht sehen. Halt dich daran fest. Es wird besser."

 

Danke, Tanne, dass du den Mut aufgebracht hast, deine Geschichte mit uns zu teilen, auch wenn es nicht einfach für dich war! Wir sind uns sicher, dass du vielen anderen damit aus dem Herzen sprichst! <3

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