#2025-0017

Puzzleteil
#2025-0017 Jana

Es sind Sätze wie „Hör auf zu fressen und mach mehr Sport!" oder „Deutsche Panzer rollen wieder!", die schon bei Außenstehenden Übelkeit auslösen. Und Wut. Über so viel Dreistigkeit und Unverschämtheit, die in einem Menschen stecken mussen, damit solche Worte überhaupt ins Gesicht anderer Mitmenschen geschleudert werden können. Wie sich dann erst direkt Betroffene fühlen müssen, mag man sich kaum vorstellen. 

Unsere Teilnehmerin Jana hört diese Sätze regelmäßig. Und das nur, weil ihre Körperform nicht dem allgemein als positiv und schön wahrgenommenen Schlankheitsideal entspricht.

„Mit meiner starken Adipositas wurde und werde ich auch heute noch immer wieder in Schubladen gesteckt. Darin gefällt es mir aber nicht, die sind viel zu klein für mich. Und ich wünsche mir allzu oft, dass die Leute einfach mit mir reden, bevor sie sich ein Urteil bilden. Die bereits genannten Sätze sind einfach extrem verletzend und machen mich jedes Mal wieder traurig. Wenn ich sowas höre, reagiere ich meistens gar nicht darauf, denn dann würde ich diesen Personen nur zeigen, dass sie mich verletzt haben."

Unter Adipositas versteht man eine übermäßige Vermehrung des Körperfetts, basierend auf dem sogenannten Körpermasseindex (auch engl.: Body Mass Index, kurz BMI). Dabei handelt es sich um eine eigenständige chronische Erkrankung, die in Deutschland erst seit wenigen Jahren als solche anerkannt wird. Im Fall von Jana ist sie vor allem aber die Folge einer ernsthaften Essstörung.

Essstörungen sind ernst zu nehmende Erkrankungen, die durch ein gestörtes Essverhalten gekennzeichnet sind. Zu den haufigsten Formen zahlen Magersucht, Ess-Brech-Sucht (Bulimie) und Binge-Eating. Betroffene entwickeln ein gestörtes Verhaltnis zum Essen, zum eigenen Körper und Gewicht. Darüber hinaus können schwerwiegende gesundheitliche Folgen auftreten. Doch auch wenn Jana unter den Vorurteilen leidet, lasst sie es nicht zu, dass allein ihr Körpergewicht definiert, wer sie ist.

„Ich würde mich als authentische, adipöse aber sportliche Kursleiterin beschreiben, die mitten im Leben steht. Ich habe ein riesengroßes Herz, bin selbstreflektiert und weiß meistens genau, was ich will."

Die Logistikplanerin macht in ihrer Freizeit leidenschaftlich gern Sport. Und entwickelt dabei so viel Power und Energie, dass sie damit eine ganze Gruppe Sporttreibender motivieren und mitreißen kann:

„Ich bin Trainerin für ein Ganzkörper-Cardio-Workout, in dem Drumsticks als Equipment benutzt werden. Das erfüllt mich mit Spaß, Euphorie und purer Freude. Diese Tatsache, meine Authentizität und die Fähigkeit, mir meine Stärken aber auch Schwächen einzugestehen, sind meine wichtigsten Eigenschaften."

Ihre negativen Erlebnisse bezüglich ihrer Körperform waren fur Jana der Anlass, an unserem Projekt teilzunehmen:

„Ich möchte ein Teil von BE THE COLOR sein, weil ich zeigen will, dass auch dicke Menschen sportlich sein können. Ich möchte die Stigmatisierung aufbrechen und zeigen, dass ich viel viel mehr bin, als nur mein Äußeres. Auch mit 130 Kilogramm kann ich eine Fitnesstrainerin sein und Sport lieben. Denn dick zu sein bedeutet in sehr vielen Fällen nicht einfach nur, dass man zu viel isst und keinen Sport macht. Ganz oft steckt eine schlimme Erkrankung dahinter. In meinem Fall handelt es sich um eine Essstörung und ich wünsche mir mehr Verständnis von den Mitmenschen. Schon oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die tendenziell eher zu dünn sind, ganz schnell Hilfe erhalten und Menschen, die tendenziell eher zu dick sind, nur dumme Sprüche an den Kopf geschmissen kriegen."

Für Jana stehen Authentizität, Menschlichkeit, Verständnis und Akzeptanz ganz oben auf der Liste erstrebenswerter Eigenschaften. Ihrer Meinung nach gehören diese Werte in jede Gesellschaft, die für Vielfalt und ein harmonisch-unterstützendes Miteinander stehen möchte.

„Allzu oft werden Menschen in Schubladen gesteckt oder vorverurteilt. Wenn das dann auch noch offen kundgetan wird, vielleicht sogar mit verletzenden Worten, dann ist das einfach nicht richtig. Wir können den Menschen immer nur vor den Kopf gucken und wissen nicht, was in ihrem Inneren los ist und was es für Gründe für das Verhalten oder das Aussehen dieser Person gibt", findet Jana.

Janas Message an alle, die ihr Puzzleteil lesen, ist die folgende:

„Vielfalt bedeutet für mich, jedes Individuum so zu akzeptieren, wie es ist. Völlig egal, ob klein, groß, dick oder dünn. Ob blonde oder pinke Haare, blaue, braune oder grüne Augen, Pickel, Sommersprossen oder Piercings im Gesicht - wir alle sind Menschen und als solcher ist jeder von uns ein individueller Teil unserer Gesellschaft. So, wie wir sind, sind wir genau richtig und vor allem wertvoll. Jeder auf seine ganz eigene Art und Weise.

Ich möchte das Stigma, dass adipöse Menschen zu viel essen und zu wenig Sport machen, aufbrechen. Denn auch adipöse Menschen können sportlich oder sogar Fitnesstrainer sein. Ich möchte das Motto meines Sportprogramms ,All Ages, all stages - for everybody and every body!' in die Welt hinaustragen und zeigen, was gelebte Vielfalt bedeutet. Denn wir alle sind so, wie wir sind, genau richtig!"

Und all denjenigen, die eine ähnliche Geschichte wie Jana durchleben, sagt sie:

„Ich möchte euch Mut machen. Geht raus, feiert das Leben! Geht ins Schwimmbad, wenn ihr das wollt, geht ins Fitnessstudio, ins Theater oder ins Eiscafé. Geht auf den Rummel, ins Restaurant, in den Park oder in die Sauna! Lasst euch von dummen Sprüchen oder Blicken nicht verunsichern. Ihr müsst euch nicht verstecken. Genau so, wie ihr seid, seid ihr richtig und wichtig! 

LEBT dieses Leben, ihr habt nur dieses eine! Und wenn ihr selbst an euch, euren inneren und äußeren Werten arbeiten wollt, aber es nicht alleine schafft, sucht euch Hilfe! Bleibt dran, seid stark - irgendwann wird das Richtige zu euch kommen und euch auf eurem Weg unterstützen!"

 

Danke, Jana, für deine Power und dass du mit deinen Worten den Nagel auf den Kopf triffst. Du verdeutlichst uns, wie schnell man doch ins fatale Schubladendenken abdriftet! <3

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